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Eine Endoprothese ist kein Handikap

Was beim Golfen mit künstlichem Knie- oder Hüftgelenk zu beachten ist

Das Schöne am Golfspielen ist, dass man diesen Sport bis ins hohe Alter betreiben kann. Immer mehr Menschen mit künstlichen Gelenken stehen heute am Abschlag und bleiben trotz Endoprothesenversorgung in Knien oder Hüfte sportlich aktiv.

„Die endoprothetische Versorgung der großen Gelenke hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen“, unterstreicht Dr. Lutz Schweißinger, Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin bei ortho sport. „Weiterentwickelte OP-Techniken und Implantate ermöglichen die Versorgung jüngerer Patienten, die einen nachvollziehbar hohen Anspruch an ihre Mobilität im Alltag, in der Freizeit und beim Sport haben.“

Dr. Lutz Schweißinger

Körperliche und sportliche Aktivität wird nach endoprothetischem Ersatz grundsätzlich empfohlen. Sie verbessert die knöcherne Integration der Prothese, senkt das Lockerungsrisiko, steigert die muskuläre Leistungsfähigkeit und reduziert zugleich das kardiovaskuläre Risiko.

Dr. Lutz Schweißinger (li.) mit PGA Health Pro David Schneider (Golf-Club Coburg Schloss Tambach e.V.)

Dr. Lutz Schweißinger (li.) mit PGA Health Pro David Schneider (Golf-Club Coburg Schloss Tambach e.V.)

Für Hobby- und FreizeitgolferInnen mit Prothese ergeben sich zahlreiche Fragen: Kann ich mich auf die bevorstehende Operation vorbereiten? Wann kann ich danach wieder mit dem Golfen beginnen? Muss ich meinen Golfschwung verändern? Wo bekomme ich Hilfestellung nach der Operation? Dr. Schweißinger rät: „Grundsätzlich können Patienten nach einem erfolgreich verlaufenen Eingriff wieder Golf spielen. Die Muskeln, die das Gelenk umgeben, müssen dafür jedoch wieder gekräftigt werden.“ Neben der muskulären Stabilisation sollte man zudem früh wieder an der Koordination arbeiten, damit sie nicht gänzlich verloren geht. Idealerweise steigen PatientInnen nach der Operation moderat und unter Anleitung wieder ins Training ein.

Die Entscheidung für die Wiederaufnahme der sportlichen Aktivitäten ist absolut individuell. Da sich alle PatientInnen voneinander unterschieden und jede Operation unterschiedlich verläuft, ist es unbedingt notwendig, individuell zu entscheiden. Wichtig ist: Prothesen sind nach der Operation im Normalfall stabil. Belastungen, wie sie beim Gehen und Stehen auftreten, hält die Prothese aus biomechanischer Sicht aus. „Studien nach Prothesenimplantation konnten nachweisen, dass die Gelenkbelastung während körperlicher Aktivitäten deutlich erhöht ist“, erläutert Dr. Schweißinger. Bereits beim Walking kommt es zu einer Belastung um das Zwei- bis Dreifache des Körpergewichts auf Knie- und Hüftgelenk. „Bei Belastungen wie dem Golfspielen resultieren Werte bis zum Achtfachen des Körpergewichts auf die Gelenke der unteren Extremität“, so der Sportmediziner. Aus diesen Gründen sollten Betroffene mit 2 bis 3 Monaten Sportpause als unterste Grenze rechnen. Häufig wird eine Pause von bis zu 6 Monaten empfohlen, da zu frühes Belasten zu Komplikationen führen kann.

Auf keinen Fall sollten sich PatientInnen einfach über die ärztliche Einschätzung hinwegsetzen und lostrainieren. Der Sportmedziner erläutert: „Wie schnell man wieder einsteigen kann, hängt von vielen individuellen Voraussetzungen und auch von der OP-Methode ab. Es kann durchaus sein, dass es Gründe für eine längere Pause gibt. Zum Teil besteht aber auch die Möglichkeit, dass aus sportmedizinischer Sicht nichts dagegenspricht, wenn man bereits nach einigen Wochen wieder spielt.“ Natürlich steht man dann nicht gleich wieder am Abschlag. Der Wiedereinstieg beginnt vielmehr mit Koordinations- und Beweglichkeitsübungen wie Putt-Übungen oder leichten Schwungbewegungen. „Der Driver sollte sicherlich 6 Monate ‚Dunkelhaft’ bekommen“, empfiehlt Dr. Schweißinger.

Dass Betroffene ihren Schwung oder ihre Technik nach einer Prothesenoperation umstellen müssen, ist in der Regel nicht notwendig. Bestimmte Bewegungen sollten mit Hüftprothesen jedoch vermieden werden. Dazu gehört die Innenrotation des Beins, das Überkreuzen der Beine und das starke Vorbeugen des Oberkörpers. „Beim Golfschwung sollte der linke Fuß etwas zum Ziel gedreht werden“, rät Dr. Schweißinger. „Beim Aufheben und ‚Aufteen’ des Balls wird der Oberkörper sehr stark vorgeneigt. Diese Bewegung ist anfangs zu vermeiden. Verwenden Sie stattdessen lieber Hilfen wie ‚Pick-up your ball‘.“

Hüftprothesen - Golfspielen mit künstlichem Gelenk ist möglich.

Bei Knieprothesen müssen unterschiedliche Bauarten und Typen unterschieden werden. Auch die Operationsmethode spielt eine entscheidende Rolle bei der Frage des sportlichen Wiedereinstiegs. „Die Form des künstlichen Schienbeinkopfs führt zur Einschränkung der Translation zwischen Ober- und Unterschenkel. Die Stabilisation der axialen Drehung kann nur durch die Seitenbänder und durch die muskuläre Zuggurtung erreicht werden“, führt Dr. Schweißinger aus. Die ungünstigen Kniegelenksbelastungen können dank geeigneter Fußstellungen und -bewegungen während des Schwungs minimiert werden. Außerdem empfiehlt es sich, keine zu aggressiven Spikes zu verwenden, die sich im Gras festkrallen, denn der Fuß und damit das Knie sollen bei falschen Bewegungen nachgeben können.

„Bis wieder alle golfspezifischen Bewegungen gemacht werden können, vergehen sicher einige Monate. Nur mit viel Geduld und unter Anleitung eines kompetenten und sportmedizinisch weitergebildeten Golf Pros kommen Patienten wieder zurück zur vollen Golf-Leistungsstärke“, so der Sportmediziner. „Es dauert einfach, bis unsere Nerven und unser Gehirn sich an die neue Situation mit dem implantierten Gelenk gewöhnt haben.“ Der postoperative Weg führt vom Putten, sobald man wieder auf beiden Beinen stehen kann, über gefühlvolles Chippen und Pitchen, bis hin zum vollen Schwung. „Die ideale persönliche Unterstützung kommt vom Expertenteam, bestehend aus einem erfahrenen Orthopäden, einem entsprechend ausgebildeten Golfpro und einem Physiotherapeuten.“ Und das am bes‚ bevorstehende Operation am besten vorbereiten, um im Nachhinein auf eine möglichst optimierte Muskelmasse zurückgreifen zu können.

Die gute Nachricht lautet also: Golfspielen mit künstlichem Gelenk ist möglich. Die noch Bessere: Nicht selten verbessert sich das Golf-Handicap sogar nach der Operation. „Diese kurz gefasste Aussage soll niemanden zur Operation treiben. Ist ein Eingriff jedoch wirklich notwendig, möge diese positive Aussicht zum Heilungserfolg beitragen!“, wünscht Dr. Schweißinger den betroffenen PatientInnen.